Im Gedenken an Andreas Mann / 4 Mär 2026 †
Der Lehrreiche / Friedberg 2005
Hejsan Andreas,
am 5.März spätabends kurz vor elf habe ich Dir eine Mail geschrieben als Reaktion auf Deine „Worte zur Lage der Evangelischen Kirche“, abgedruckt im >Magazin für evangelische Pfarrer:innen<. Ich fand sie „ganz schön aus dem Fenster gelehnt“, konnte aber Dein „bitteres und entlarvendes Fazit“ voll und ganz nachempfinden.
Okay, damit kam ich einen Tick zu spät in meiner schwedischen Ahnungslosigkeit, aber ich geh mal davon aus, daß Du es dank Deiner klösterlich-spirituellen Veranlagung dann eben in der „Cloud“ gelesen hast.
In besagter Mail mutmaßte ich, daß der von Dir als nicht mehr „meine Kirche“ degradierte Paulusplatz Dich das wohl schon habe „spüren lassen“.
Schnee von gestern. Denn urplötzlich hat man - o Wunder! - aus den vielen Dir in den Weg gelegten Steinen während Deines langjährigen Kampfes um einen professionellen Zuschnitt der Notfallseelsorge ein stattliches Denkmal errichtet: „De mortuis nihil nisi bene“.
Was solls, Du hast es verdient, wenn auch auf authentischere Weise. Und die Zahl derer, die Dein Engagement wertschätzen und ehrliches Zeugnis für Dich ablegen, ist „Legion“: Von unmittelbar Betroffenen über von Dir (nach)betreute Einsatzkräfte bis zu Scharen von Hauptamtlichen und Laien, die durch Deine Schule gegangen sind, um ihrerseits Opfern und Leidtragenden seelsorgerlich beizustehen.
Last not least lege ich höchstselbst rückblickend Zeugnis für Dich ab als Dein Mitstreiter bei der Geburtshilfe der drei ersten 0,5-Notfallseelsorge-Pfarrstellen der EKHN in Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt-Dieburg. Man ließ uns machen, einerseits, doch wurde unser Vorhaben andererseits von einer argwöhnischen Kirchenverwaltung vorsichtshalber als jederzeit revidierbares „Pilotprojekt“ eingestuft. Schließlich war um das Jahr 1998 herum noch völlig unklar, ob unser tollkühnes Experiment top oder flop ausgehen würde. Tollkühn? Nun ja, es sprengte die traditionellen sakrosankten Ortskirchen-Strukturen, war konsequent ökumenisch-kooperativ ausgerichtet und verzichtete aus ethischen Gründen strikt auf den Versuch, die Einsätze missionarisch auszuschlachten.
Summa summarum eine echte „Zangengeburt“, die in schöner Regelmäßigkeit mal Dich, mal mich an den Rand der Verzweiflung trieb, jeweils vom anderen aufgefangen und mit Engelszungen zum Durchhalten der guten Sache überredet. Wir waren Partner, Seite an Seite, haben wider manchen Stachel gelöckt, und am Ende hat es Früchte getragen.
Der Standhafte / Friedberg 2006
In dem allen sind wir Freunde geworden und geblieben, über meine Emeritierung und „Fahnenflucht“ gen Norden 2014 hinaus. Es ging immer noch um Notfallseelsorge und deren ambivalente (Fehl)Entwick-lungen, aber zunehmend auch um persönlich-existentielle Themen und von mir als „pattologisch“ (kein Schreibfehler) apostrophierte Glaubensfragen und -Zweifel auf dem Hintergrund unser beider lebens-bedrohlichen Erkrankung.
Und die Moral von der Geschicht? Ob die „zugegebenermaßen etwas dreckige Arbeit Notfallseelsorge da draußen auf der Straße und in den Häusern“ nach Deiner und meiner Zeit im Sinne Deines bitteren Fazits zur Lage der Evangelischen Kirche „immer mehr vor einer event-zentrierten Ausrichtung zurückweicht, welche lockerer und mehr 'sexy', aber auch unverbindlicher daherkommt“, sprich, ob wirklich im negativen Sinne „alles“ und demzufolge auch Notfallseelsorge „seine (Verfalls)Zeit hat“, kann ich nach mehr als einem Dutzend Jahren im noch dazu 1.300 Kilometer entfernten Ruhestand nicht adäquat beurteilen, sondern will es wie Du, ohne altersgrantig und besser-wisserisch zu „kritteln“, jenen überlassen, die nun und in Zukunft die Verantwortung tragen.
Umso mehr aber laß uns auf den Fortbestand des in Jesu Gleichnis vom Barmherzigen Samariter vor 2000 Jahren prophetisch vorweggenommenen Notfallseelsorge-Dienstes der „Begleitung in schwierigen Lebenslagen“ hoffen und fürbittend unterstützen: Ich hier unten, solange ich noch da bin, zusammen mit Dir da oben.
In diesem Sinne, alter Kämpe, „Ha det bra – Machs gut“. Fahr in Frieden himmelan mit den Worten der Herrnhuter Losung vom 4.März: „Ha din glädje i Herren – Habe Deine Lust am Herrn“. Und: Diskutier nicht allzu heftig mit unserem "högsta chefen"!
* * * * *
Andreas hat in seinen Ausbildungskursen immer Wert auf einen geistlichen Impuls gelegt, und ich habe das auf dem Klavier musikalisch begleitet. In Erinnerung daran widme ich ihm diese Neufassung eines alten Haudegenliedes.
Alle, die mit uns zum Noteinsatz fahren
müssen Menschen mit Herzblut sein
Alle, die Angst, Leid und Tod mit ertragen
müssen Menschen mit Herzblut sein
NFS und SbE,
die haben Herzblut, die haben Herzblut
Kirch- und Blaulicht-Samarit‘
die haben Herzblut, die fahren mit
20 Feb 2026 / Sebastians Bandscheiben-OP

Längere Zeit war es ein harmloser running gag: „Ich habe Rücken“.
Doch nicht zu jedermanns Entzücken! Denn irgendwann fühlte sich Bastis zentrales Stützorgan der Wirbeltiere in seiner political correctness verletzt und verwandelte den heiter-scherzhaften Tonfall in einen stechend-schmerzhaften Vorfall.
Schluß mit lustig! Diskushernie - der Name allein läßt schon erschaudern: Bandscheibenvorfall!
Und das mitten in den physisch wie psychisch stressigen Baumaßnahmen am künftigen Spachbrückener Rentner-Domizil gewisser Spätheimkehrer aus Südschweden.
Dumm gelaufen. Aber das Leben spielt nun mal nach seinen eigenen Regeln und zeigt einem mitunter die gelbe Karte zwecks Vermeidung einer roten.
Am Freitag, dem 20.Februar ist Basti in Darmstadt durch ein von zahllos hochgehaltenen Daumen und gefalteten Händen virtuell unterstütztes Ärzte-Team am Agaplesion Elisabethenstift erfolgreich operiert worden.
Womit seine und unser aller „Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (der Patient ist Germanistik-Absolvent) glücklich überstanden war - man konnte halbe Felsen von diversen Herzen plumpsen hören - und einer tiefempfundenen Dankbarkeit Platz gemacht hat, je nach Gusto mit oder ohne Verbindung nach (ganz) oben.
Und damit es möglichst dabei bleibt, tut Vatermund zum Schluß noch mahnend Weisheit kund: "Mögest Du, lieber Sohn, dem so wunderbar der Rücken gestärkt wurde, Dir nicht selber wieder in denselben fallen".
10 Aug 2025 / Winfrieds Herzattacke
In der Nacht vom neunten auf den zehnten August bekam ich mitten in einem Traum plötzlich heftige Herzschmerzen, die sich im Wachzustand albtraumartig verstärkten. Mir war schlagartig klar, daß ich das nicht wie gewohnt „aussitzen“ konnte, sondern dringend ärztliche Hilfe benötigte.
Seltsamerweise war ich total ruhig und unaufgeregt. Ich wollte Karin nicht sofort aufstören, sondern habe erst einmal den Blutdruck gemessen und erschrak über den horrenden Wert von 192 zu 92. Danach bin mit Ronja Gassi gegangen und habe sie im Blick auf die zu erwartenden Sanitäter vorsorglich ins Hundegatter gesperrt. Sodann habe ich Karin ein paar wichtige Papiere zurechtgelegt für den „Fall des Falles“ und sie anschließend geweckt mit der Bitte, die 112 zu wählen. Es wurde ein längeres Telefonat mit intensiven Fragen nach dem genauen Hergang und meinem aktuellen Befinden, aber nach ca.25 Minuten traf die Ambulanz ein und zwei freundlich-fröhliche Mädels verfrachteten mich in die Notaufnahme des Krankenhauses Borås. Dort wurden quasi unmittelbar diverse medizinische Maßnahmen zwecks Abklärung des status quo ergriffen, und ich fühlte mich in guten Händen, wenngleich innerlich mittlerweile nicht mehr so stoisch und gelassen.
Nach geraumer Weile ging es ein Stockwerk höher auf die MAVA, Medicinsk AkutVårdsAvdelning (Medizinische Notaufnahme), wo ich den Rest der Nacht monitorüberwacht wurde. In den beiden Folgetagen durchlief ich hier das volle Programm: EKG, Blutabnahme (beides im Plural!), Herz-Ultraschall und Koronar-Angiographie mit dem Ergebnis, daß die vor vier Jahren implantierten Bypässe nach wie vor durchlässig sind (was ich zu einem guten Teil Karins cholesterinarmen Kochkünsten verdanke), wohl aber in tiefergelegenen und von dem Katheter nicht erreichbaren Regionen Engpässe existieren, die Angina pectoris-Anfälle auslösen können. Zum Behufe dessen schlucke ich nun ein zusätzliches Medikament, das jene Adern aufweiten und den Blutfluß leichter machen soll.
Auf der Station habe ich mich von Anfang bis Ende sicher gefühlt, eingesponnen in den Kokon menschlich wie fachlich kompetenter Schwestern, Pfleger und Ärzte bis in die unterste Ebene der Reinigungskräfte, die ihren Job genauso engagiert versahen. Übrigens war ich allein in meinem „Apartment“, und habe das als gar nicht genug zu schätzenden Luxus in einer körperlich desolaten und seelisch verunsicherten Lebenssituation empfunden.
Zum Schluß noch ein ganz besonderes Highlight. Als Karin mich abholen kam, wollte es der Zufall (?), daß das gesamte Team zusammenstand, um miteinander irgendwelche Dinge zu besprechen oder die Schichtübergabe durchzuführen. Wie auch immer. Spontan habe ich die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, um mich zu bedanken und hejdå (Tschüß) zu sagen, woraus - wer hätte das gedacht? - eine Art Mini-Predigt ungefähr folgenden Inhalts wurde:
- Mein Dank für die stets freundliche, zugewandte, hilfsbereite und kompetente Pflege.
- Mein Erstaunen und meine Bewunderung für das reibungslose Zusammenspiel, die gegenseitige Wertschätzung und den respektvollen, toleranten Umgang des aus aller Herren Länder bestehenden Teams wie Iran, Irak, Somalia und Afghanistan (die Chefin!) und natürlich Schweden.
- Meine Hoffnung, es möge das, was hier im Kleinen möglich ist und gelingt, auch im Großen geschehen.
Zu guter Letzt habe ich mich „Aldrig se dig igen - Auf-Nimmer-Wiedersehen“ verabschiedet und um Erlaubnis gebeten, dem Team den Segen zu spenden „Gud välsigne dig“.
Auf dem Weg zum Ausgang kamen wir an der Krankenhauskapelle vorbei, und da sowohl die Tür als auch das Klavier offenstand, konnte ich nicht anders, als den Choral „Wer nur den lieben Gott läßt walten“ und „Großer Gott, wir loben Dich“ zu intonieren.

18 Sep 2024 / (Paten)Tante Ilses 100.Geburtstag
Um gleich auf den Punkt zu kommen: Ich verdanke Martha Ilse Müller mein Leben - indirekt zumindest.
Wie das? Nun, meine Tante war Hausangestellte bei meinem Vater. Ab und zu hat meine Mutter dort ihre Schwester besucht und ist natürlich auch meinem Vater begegnet. Als dessen Frau mit Anfang zwanzig verstarb und er als Witwer mit zwei kleinen Kindern plötzlich alleinstand, hat er kurzentschlossen meine Mutter gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. Die war verständlicherweise erstmal total perplex, hat ihn gar lauthals ausgelacht. Aber relativ bald muß es wohl doch „gefunkt“ haben und gab sie ihm ihr Jawort. So geschehen am 22.Dezember 1945, einem Samstag. Tja, und ohne jene Zufallsbegegnungen bei meiner Tante gäbe es heuer weder mich noch diese Zeilen.
Tante Ilse ihrerseits war ähnliches Glück leider nicht beschieden. Ihre erste und einzige große Liebe endete mit einem schweren Motorradunfall und mehreren Monaten Krankenhausaufenthalt. Sie hatte einen komplizierten Beinbruch und in dessen Folge eine lebenslange Gehbehinderung erlitten. - Das Schicksal zieht manchmal ziemlich unerbittliche Kreise.
Sie blieb Angestellte auch in der jetzt neu zusammengesetzten Familie Steinhaus mit ihrer Schwester als Gattin des Hausherrn. Sicherlich keine leichte Konstellation, aber was gab es in der Nachkriegszeit schon für Alternativen.
Eine ihre zahlreichen Aufgaben bestand darin, mich allabendlich zu waschen. Ich war nach stundenlangem Spielen im Sandkasten oder wo und wie auch immer ständig dreckig von Kopf bis Fuß, sodaß die Reinigung nicht mit ein bißchen Waschlappen zu bewältigen war, sondern meist ein Fall für den sogenannten Spülstein in der Küche (!) wurde. Ein Badezimmer hatten wir seinerzeit noch nicht.
Eines Tages stand ich wieder einmal an besagter Stelle - splitterfaser nackt - während meine Schwester und mein Bruder ihr Butterbrot muffelten. Das war absolut nichts ungewöhnliches, sondern gang und gäbe - zigfache Abendroutine. Bis auf einmal… Bis es auf einmal an der Tür klopfte, dieselbige sich im nächsten Moment öffnete und meine Cousine Angela eintrat, ein Mädel ungefähr im beginnenden Teeniealter.
Aus wars mit „gang und gäbe“. Ich schrie wie am Spieß, offenbar meiner verletzten Scham bewußt (wobei ich aus heutiger Sicht sagen muß, daß meine Cousine mich, wenn überhaupt, wohl nur am Rande wahrgenommen und keinerlei Interesse an mir unbedeutendem Knäblein gezeigt hätte). Tante Ilse jedoch reagierte prompt und unmittelbar. Sie hob mich mit einem Schwung aus dem Becken, stellte mich auf den Fußboden und umhüllte mich mit einem schützenden Handtuch. - Ewigen Dank dafür, o Hüterin meiner kindlichen Unschuld!
Weniger dankbar war ich ob der peniblen, ja, erbarmungslosen Aufsichtstätigkeit von Tante Ilse. Ihr entging nichts, was ich un
aufgeräumt in den Ecken liegenließ oder wo es sonst bei mir an gebührender Ordnung und Achtsamkeit mangelte. Im Nachhinein sehe ich das mit etwas anderen Augen. Sie hat mich auf diese Weise zu einer ausgereiften Systematik erzogen, die mir später persönlich wie beruflich gut zustatten gekommen ist.
Zu meiner Konfirmation hat sie mir das Anfangspaket einer Märklin-Eisenbahn geschenkt, die ich viele Jahre auf- und ausgebaut habe, und an der ich auch jetzt noch emotional hänge, wiewohl sie aus altersbedingten technischen Mängeln derzeit nicht betriebsbereit ist. Der Gedanke an ihre ungewisse Zukunft erfüllt mich mit Wehmut.
Es gibt soviele Erinnerungen. Zum Schluß noch zwei, die Tante Ilses Charakter betreffen. Erstens: Während meines Theologiestudiums in Wuppertal war ich Mitglied eines Vereins, der sich um Familien in sozial schwierigen Verhältnissen kümmerte. Ich habe die Leutchen damals u.a. mit Kleidung versorgt, teils gebrauchten Kindersachen aus unserer Familie und Verwandtschaft, teils in Form eigens gestrickter Pullis, Höschen, Strümpfe und dergleichen. Tante Ilse war eine derjenigen, die unzählige Meter Strickgarn für die von uns so genannten „Kellerkinder“ verarbeitet hat. Ich denke, das zeigt ihr Herz für Menschen in Armut, vielleicht, weil sie einst selber in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist.
Zweitens. Meine Mutter ist im Alter zunehmend dement geworden. Tante Ilse hat ihr stets treu, geduldig und liebevoll beigestanden, sowohl in der Zeit, da sie noch allein im Haus Goethestraße wohnte, als auch gemeinsam im Alters(pflege)heim. Dort war sie ein bleibender, fester Bezugs- und Ankerpunkt für meine Mutter, die mich z.B. bei diversen Besuchen nicht mehr erkannt hat: „Wer sind Sie denn?“.
An all das denke ich gern und dankbar zurück. Und bete und bitte heute für meine Tante, die einst Patin für mich stand, um Gottes Patenschaft für sie, auf daß sie in Seinem Frieden ruhe und geborgen sei.